Leo McFall: Music, please!

Weekend: War das Dirigieren schon ein Kinderwunsch von Ihnen?
Leo McFall:
Nein, nicht so wirklich! Ich habe ziemlich früh mit der Geige begonnen, bald kamen Klavier und Bratsche dazu. Als Kind fand ich das Musizieren gemeinsam mit anderen immer am Schönsten! Als ich acht war wurde ich Konzertmeister eines unserer Musikschulorchesters und der Dirigent bot jedem die Gelegenheit, die letzten Minuten einer Probe selbst zu dirigieren. Es ist lustig, aber ich war sicherlich der Einzige, der sich dafür nie gemeldet hat! Das Interesse am Dirigieren kam viel später, als Teenager. In dieser Zeit begann ich auch, das große Orchesterrepertoire kennen zu lernen, indem ich Partituren richtiggehend verschlang, mir viele Aufnahmen anhörte, und alle Konzerte in meiner Umgebung besuchte. Ich war richtiggehend fanatisch, und als es dann wirklich an der Zeit war, mich als Dirigent auszuprobieren, fühlte es sich ganz einfach und natürlich an.

Weekend: Als Chefdirigent des SOV folgen Sie Gérard Korsten nach – und Sie kennen ihn gut?
Leo McFall:
Ich war in einem Konzert von ihm ohne ihn zu kennen, und dann: was für eine Offenbarung! Ich hatte noch nie zuvor erlebt, dass man Mozart und Haydn mit so viel Leben, Feuer und Energie dirigieren kann. Als ich im selben Jahr eine Einladung bekam, bei einer Oper in Glyndebourne zu assistieren, war es eben bei jenem Gérard Korsten! Ein wunderbarer Zufall, mit diesem intensiven Musiker zusammen arbeiten zu können. Und nun mit dem SOV in seine Fußstapfen zu treten, erfüllt mich mit Stolz und Demut zugleich.

Weekend: Wie erging es Ihnen im letzten Jahr?
Leo McFall:
Nun, natürlich mussten viele geplante Konzerte abgesagt oder verschoben werden, und ich hatte auch plötzlich ganz ungeplante freie Zeit… Für das SOV war es ja leider so, dass unser mit so viel Liebe und Freude gestaltetes Programm für die diesjährige Saison fast zur Gänze der Covid-Pandemie zum Opfer gefallen ist, und dass auch ich erst jetzt im April zum ersten Mal in meiner Funktion als Chefdirigent zwei Konzerte dirigieren konnte. Ich bin aber sehr glücklich, dass es möglich war, „mein“ Abokonzert 6 in den Juni zu verschieben und freue mich schon sehr darauf, nun an vier Terminen die 6. Symphonie von Anton Bruckner, one of my absolute favourites, zu dirigieren.

Weekend: Vor wenigen Wochen haben Sie mit dem Team des SOV das Programm für die Saison 2021/22 präsentiert. Was darf das Publikum von der nächsten Saison erwarten?
Leo McFall:
Gleich vorweg: es ist gelungen, Mahlers Neunte mit Kirill Petrenko in den Oktober 2021 zu verschieben, und ich freue mich für das SOV sehr darüber! Das neue Programm wird ein sehr farbenreiches werden: wir beginnen bei dem Vorarl- berger Komponisten Herbert Willi und gehen im Laufe der Saison in der Zeit zurück bis zu einer Suite von Philippe Rameau, also zum französischen Hochbarock.  Außerdem gibt es Werke von Antonín Dvořák und Anton Bruckner zu hören, die mir persönlich sehr am Herzen liegen. Wir dürfen dem Vorarlberger Publikum großartige Solist|innen nicht nur aus Österreich vorstellen, und brillante Kollegen, unter anderem auch Christoph Altstaedt, werden dirigieren.

Zur Person: Leo McFall
Chefdirigent des Symphonieorchester Vorarlberg seit der Saison 2019/20

  • Geboren 1981 in London
  • Studium an der Oxford University, der Sibelius Academy Helsinki und der Zürcher Hochschule
  • 2014 Finalist beim Nestlé und Salzburg Festival Young Conductors Award
  • 2015 Gewinner des Deutschen Dirigentenpreis
  • seit 2019/20 Erster Gastdirigent am Meininger Staatstheater
Autor: Weekend Magazin Vorarlberg, 08.06.2021